Zahnmedizinische Betreuung in der Schwangerschaft: Ein Leitfaden für die sichere Behandlung

03. 04. 2025

Die zahnärztliche Betreuung während der Schwangerschaft erfordert besondere Aufmerksamkeit, um sowohl die Gesundheit der werdenden Mutter als auch die des ungeborenen Kindes zu gewährleisten. Mit fundiertem Wissen können Zahnärztinnen und Zahnärzte schwangere Patientinnen sicher und kompetent behandeln.

Besondere Behandlungssituation

Wenn eine schwangere Patientin mit Zahnschmerzen in die Praxis kommt, stellen sich häufig Fragen zur sicheren Behandlung: Welche Medikamente sind geeignet? Ist eine Lokalanästhesie mit Adrenalin unbedenklich? Wie verhält es sich mit Röntgenaufnahmen? Solche Unsicherheiten können dazu führen, dass eine Überweisung in ein Krankenhaus erwogen wird. Dennoch ist es mit dem richtigen Wissen möglich, schwangere Patientinnen adäquat in der Praxis zu versorgen.

Optimale Behandlungszeitpunkte und Lagerung

Das zweite Trimenon (14.–27. Schwangerschaftswoche) gilt als optimaler Zeitraum für zahnärztliche Eingriffe. In dieser Phase ist die Organentwicklung abgeschlossen, und das Risiko für Komplikationen ist geringer. Bei der Behandlung sollte auf die Lagerung geachtet werden:

  • Längere Behandlungen in Rückenlage vermeiden.
  • Eine leichte Linksseitenlage bevorzugen.
  • Ab dem späten zweiten Trimester ein Kissen unter die rechte Hüfte legen, um den Druck auf die Vena cava zu reduzieren.
  • Bei Unwohlsein der Patientin sofort eine aufrechte Sitzposition ermöglichen.

Diese Maßnahmen verhindern das Vena-cava-Kompressionssyndrom, das durch Druck des Uterus auf die Vena cava inferior verursacht wird und zu Kreislaufproblemen führen kann.

Bildgebende Diagnostik während der Schwangerschaft

Die Frage nach der Zulässigkeit von Röntgenaufnahmen während der Schwangerschaft ist häufig präsent. Moderne digitale Röntgentechnologien reduzieren die Strahlenbelastung erheblich. Dennoch sollte während der Schwangerschaft, insbesondere im ersten Trimester, Röntgen nur bei zwingender medizinischer Notwendigkeit durchgeführt werden, um Risiken für den Fötus zu minimieren. Der Einsatz von Bleischürzen bietet zusätzlichen Schutz.

Medikamentöse Therapie: Wichtige Hinweise

Die medikamentöse Behandlung während der Schwangerschaft erfordert sorgfältige Abwägung. Folgende Medikamente gelten als sicher:

  1. Analgetika:
    • Paracetamol (in niedrigster wirksamer Dosis und kurzzeitig angewendet).
  2. Antibiotika:
    • Amoxicillin (mit oder ohne Clavulansäure).
  3. Lokalanästhetika:
    • Articain (mit Adrenalin in einer Verdünnung von maximal 1:200.000).

Es ist wichtig zu beachten, dass eine absolute Sicherheit bei keinem Medikament garantiert werden kann. Dennoch bieten die genannten Arzneimittel ein hohes Maß an Sicherheit für schwangere Patientinnen.

Parodontitis und Schwangerschaft: Ein unterschätztes Risiko

Neben den hormonellen Veränderungen rückt zunehmend ein anderer Aspekt in den Fokus der pränatalen zahnmedizinischen Versorgung: die Parodontitis. Diese chronisch-entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparats ist nicht nur ein Problem der Mundgesundheit, sondern kann erhebliche Auswirkungen auf die Schwangerschaft haben.

Zahlreiche Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen unbehandelter Parodontitis und einem erhöhten Risiko für Schwangerschaftskomplikationen wie Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht, Präeklampsie und Spontanabort. Die Entzündung scheint dabei systemisch zu wirken – über die lokale Mundhöhle hinaus.

Eine Studie von Choi et al. (2021), basierend auf über 748.000 Schwangerschaftsverläufen, zeigte:

  • 18,66 % unerwünschte Schwangerschaftsausgänge

  • 5,92 % Neugeborene mit niedrigem Geburtsgewicht

  • 14,46 % Frühgeburten

  • 2,22 % spontane Fehlgeburten

Bobetsis et al. (2020) beschreiben, dass orale Keime wie Porphyromonas gingivalis hämatogen die Plazenta erreichen und dort Entzündungen verursachen können. Zudem kann die systemische Freisetzung entzündlicher Mediatoren eine frühzeitige Reifung der Zervix oder eine Aktivierung des fetomaternalen Immunsystems auslösen.

Empfehlung für die Praxis:

  • Frühzeitige zahnärztliche Kontrolluntersuchungen

  • Regelmäßige professionelle Zahnreinigungen

  • Enge Zusammenarbeit zwischen Zahnärzt:innen, Gynäkolog:innen und Hebammen

Mundschleimhautveränderungen in der Schwangerschaft

  • Schwangerschaftsgingivitis: Durch erhöhten Östrogenspiegel kann es zu einer verstärkten Entzündungsneigung des Zahnfleischs kommen. Regelmäßige professionelle Zahnreinigungen und eine intensive Mundhygiene sind hier besonders wichtig.
  • Epulis gravidarum: Dieses gutartige Granulom tritt bei etwa fünf Prozent der Schwangeren auf, meist im Oberkiefer-Frontbereich, und bildet sich meist nach der Geburt spontan zurück. Eine chirurgische Entfernung ist nur bei starken Beschwerden oder Blutungen notwendig.

Häufig gestellte Fragen aus der Praxis

  • Ist eine zahnärztliche Behandlung in jedem Trimester möglich? Ja, grundsätzlich ist eine Behandlung in allen drei Trimestern möglich. Allerdings wird das zweite Trimenon (14.–27. Schwangerschaftswoche) für geplante Eingriffe bevorzugt, da die kritische Phase der Organentwicklung abgeschlossen ist und das Risiko für Komplikationen geringer ist. Notfallbehandlungen sind jederzeit notwendig und sollten nicht aufgeschoben werden.
  • Wie lange sollte eine zahnärztliche Behandlung während der Schwangerschaft dauern? Es gibt keine feste zeitliche Begrenzung, jedoch sollte darauf geachtet werden, dass die Patientin nicht über längere Zeit in Rückenlage verweilt. Es empfiehlt sich, nach etwa 20–25 Minuten eine kurze Pause einzulegen, um der Patientin die Möglichkeit zu geben, sich aufzusetzen und Unwohlsein vorzubeugen.
  • Wie geht man mit akuten Zahnschmerzen im ersten Trimester um? Akute Schmerzen sollten unabhängig vom Trimester behandelt werden, da unbehandelte Infektionen und anhaltende Beschwerden sowohl für die werdende Mutter als auch für das Baby belastend sein können. Bei der medikamentösen Therapie sollten bevorzugt Präparate eingesetzt werden, die sich als sicher erwiesen haben, und die Behandlung sollte gut dokumentiert werden.

Fazit: Sichere Behandlung schwangerer Patientinnen

Mit dem richtigen Wissen können schwangere Patientinnen sicher und selbstbewusst behandelt werden. Die wichtigsten Punkte zusammengefasst:

  • Optimaler Behandlungszeitpunkt ist das zweite Trimenon.
  • Röntgenaufnahmen nur bei zwingender medizinischer Notwendigkeit.
  • Bewährte Medikamente gezielt und mit Bedacht einsetzen.
  • Auf korrekte Lagerung während der Behandlung achten.
  • Parodontalstatus regelmäßig kontrollieren und behandeln.
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Gynäkologie und Geburtshilfe fördern.
  • Regelmäßige Prophylaxe und intensive Mundhygiene sind essenziell.

Mit diesen Grundlagen und einem aufmerksamen Blick für die besonderen Bedürfnisse schwangerer Patientinnen steht einer erfolgreichen Behandlung nichts im Wege.

Quellen:

ZM-Online
DGZMK
Oleadent

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